Leben.... geschrieben 2007
Im Juni bekam ich hohes Fieber und krampfartigen Schüttelfrost. Teilweise konnte ich nicht mehr sprechen. Es kam nur sinnloses Gestammel heraus. Meine Hände gehorchten mir nicht mehr. Ich lebte eine Woche wie im Traum, denn das hohe Fieber trug mich in eine fremde Welt voller Bilder und Geräusche in der ich seltsamerweise viel über mich und meine Beziehung zu Gott erfuhr. Die Diagnose lautete übrigens "Virusgrippe".
Es war keine...
Anfang August kam ich in einen Regenguß und lief den Rest des Tages mit nassen bzw. feuchten Kleidern rum. Kurz danach hatte ich wieder Fieber. Und fror. Und hatte Schmerzen in der rechten Seite. Ich dachte an eine Erkältung. Die Schmerzen erklärte ich mir damit, daß ich vielleicht etwas falsch gehoben oder getragen hatte.
Ich verlor meine Kraft zusehends, kam kaum noch meine Treppe hoch. Hatte keinen Appetit mehr. Alles schmeckte salzig oder bitter. Nachts konnte ich zwar nicht schlafen, aber dafür umso besser schwitzen. Jeden Morgen war meine komplette Bettwäsche nass.
Meine rechte Seite schmerzte immer mehr.
Nachdem ich mich nur noch mit Mühe und Not aus- bzw. umziehen konnte, entschloß ich mich endlich, zum Arzt zu gehen. Dieser nahm mir reichlich Blut ab und vereinbarte für mich einen Termin für den nächsten Morgen um eine Ultraschall Untersuchung machen zu lassen.
Was genau in der dazwischen liegenden Nacht passierte, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß ich im Bad aufwachte. Ich stellte fest, daß sich mein Körper komplett entleert hatte. Und weinte, weil ich Angst hatte in all meiner Kraftlosigkeit nicht fähig zu sein, die Sauerei zu entfernen. Tatsächlich schaffte ich es nur mit äußerster Anstrengung. Danach zitterte ich wie Espenlaub, fror, duschte und fiel danach ins Bett. Ich war froh, daß ich am Tag zuvor meine Tochter angerufen hatte, um sie zu bitten, mich zu der Untersuchung zu fahren.
Ich wäre auf keinen Fall imstande gewesen, selbst hinzufahren. Ich kam ja fast die Treppen nicht hinunter.
Bei der Ultraschall Untersuchung wurde der Arzt wohl fündig, denn er schickte mich gleich weiter zur Tomographie. Kontrastmittel... ab in den Donut.
Mehrere Abszesse in der Leber - so wurde mir gesagt. In meinem Kopf entstand ein Fragezeichen, aber ich war nicht imstande, nachzufragen.
Ich sollte sofort zu meinem Hausarzt gehen, damit er mir eine Einweisung in die Chirurgie ausstellt.
Wir gingen also zum Hausarzt. Dort wurde ich für die Wartezeit auf die Pritsche gelegt. Krankenwagen oder selbst fahren? Meine Tochter sagte selbstverständlich würde sie mich fahren.
Wir gingen schnell nochmal bei mir zuhause vorbei, wobei die Treppen für mich wahre Killer waren, und packten ein paar Sachen fürs Krankenhaus ein. Ich spürte, wie ich mich von mir selbst entfernte. Kann mich fast nicht an die Fahrt erinnern. Die Aufnahme im Krankenhaus. Danach? Blackout. Ich war wach, bekam aber irgendwie nichts mehr mit. Irgendwann sah ich wieder was.
Mein Mann und meine Tochter beugen sich über mich. Ich liege im Bett. Und bekomme Schüttelfrost. Meine Zähne klappern. Meine Hände fuchteln unter der Decke herum. Meine Beine scheinen aus dem Bett hüpfen zu wollen. Der ganze Körper wackelt, schüttelt, bebt. "Sepsis" sagt irgendjemand. Blackout. Ich werde abgeholt. CT gestützte Drainagenlegung. Das hab ich gehört. Ich rolle mich mühsam und mit Schmerzen aus dem Bett auf eine knochenharte schalenförmige Liege, die sich vor dem Tomographen befindet. Schmerzen. Ich werde komplett verkabelt und fahre mit der Liege vor und zurück. "Tief einatmen und Luft anhalten" - Scheiße ich kann doch vor lauter Schmerzen garnicht tief einatmen. "Weiteratmen". Unzählige Male.
"Klack" "Klack" "Klack" "Klack". Vier Löcher im Bauch. Leberproben entnommen. "Sooo, wir legen jetzt die Drainage" --- "Ooooooh mein Gott oh mein Gott oh mein Gott" Schmerzen, Schmerzen, noch nie erlebte Schmerzen.
Wieder in den Donut fahren "die Lage muß überprüft werden"- "tief einatmen und Luft anhalten" - "weiteratmen" - die Drainage wird weitergeschoben... beim letzten Schieben heule ich laut vor Schmerzen und denke immer noch "oh mein Gott". Ich sehe den Raum wie in einem verschwommenen Traum, auch den Nebenraum, in dem mehrere Leute an Monitoren sitzen.
Irgendwann zurückrollen aufs Bett "oh mein Gott diese Schmerzen"... zurück im Zimmer. Sie sind immer noch da, meine Lieben. Warum ist mir bloß so kalt? Ich bin total fertig. Und stelle fest, daß ich einen Schlauch mit einem Beutel an mir habe.
Und einen Ständer neben mir mit vielen Flaschen. Und einen Stöpsel im Arm.
Müde. Schmerzen. Ich soll mehrere Flaschen mit bitterem Zeug trinken. Es soll noch in dieser Nacht eine Darmspiegelung gemacht werden. Ich bin so müde, müde, müde. Aber trotzdem trinke ich das eklige Zeug. Ich werde abgeholt. Bekomme neue Flaschen und eine Spritze in den Stöpsel im Arm. Das war wohl mein Ausschaltknopf.
Ich komme im sogenannten Aufwachraum zu mir. Ich nehme meine Umgebung gefühlsmäßig wahr, aber ich sehe nichts. Meine Lieben kommen zu mir, aber ich bemerke sie nicht. Jetzt sehe ich. Herrje, so viele Betten um mich herum. Ein Raum wie das Lager vom Edeka. Furchtbar. Ich will raus und darf nicht. Ich muß mal. Und wieder. Und wieder. Ich hasse Bettpfannen.
Blackout.
Am nächsten Tag wird mir gesagt, daß die Darmspiegelung wegen "Restverschmutzung" des Darms nicht zu Ende geführt werden konnte.
(Anmerkung: dem Arztbrief, den ich bei meiner Entlassung mitbekam, konnte ich entnehmen, daß diese "Restverschmutzung" das Kontrastmittel war, das ich bei der Drainagenlegung gespritzt und zu trinken bekommen hatte.
Ich war mit 65 Kilo eingeliefert worden.
Am Ende des zweiten Tages waren es 80 Kilo.
Meine Körpermitte hatte sich seitlich ausgebreitet und meine Beine, Hände und Füsse schienen platzen zu wollen. Irgendwie hat mein Körper die Form eines Achtecks angenommen. Seltsam.
Von Keimen ist die Rede. Von anaeroben Keimen. Au weia, wie sich das anhört.
Jeden Tag werden 3 Röhrchen Blut abgezapft. Mehrmals täglich wird die Drainage mit Wasser durchgespült. Außer dem eingespülten Wasser läuft eklige Eiterbrühe in den Beutel.
Jeden Tag bei der Visite werde ich erneut befragt, ob ich im Ausland gewesen sei oder einen Unfall gehabt hätte.
Ich bekomme mehrere Beutel Blutplasma. Und jeden Tag zweimal je eine Flasche Antibiose. Schmerzmittel. Und was weiß ich was noch alles.
Irgendwann, nach einer Ultraschall Untersuchung und einer weiteren Untersuchung, bei der geröngt wird während Kontrastmittel in die Drainage gespritzt wird ist man anderer Meinung und es heißt, meine Gallenblase sei geplatzt und die Flüssigkeit habe sich in der Leber verkapselt. Die Gallenblase müsse sofort entfernt werden.
Abends bekomme ich Schüttelfrost in einem Maß, das ich noch nicht erlebt habe. Ich sehe Yusuf an, daß er Angst um mich hat. Zwei Flaschen werden an den Tropf gehängt. Keine Wirkung. Der Stationsarzt kommt mit einer Ochsenspritze. Stillstand innerhalb von Sekunden. "Oh mein Gott, danke". Yusuf hat Tränen in den Augen und sagt, er müsse mal kurz raus. Tage später sagt mir der Stationsarzt, das sei der schönste Stop eines Schüttelns gewesen, den er je erlebt hatte. Knapp 10 Sekunden nach der Spritze vollkommene Entspannung. Das sei Rekord.
Langsam kommt der Verdacht auf, ich könnte eine Kontrastmittel-Allergie haben, da ich jedes Mal wenn mir welches als Spritze oder zum Trinken gegeben wurde, Schüttelfrost bekam.
Glücklicherweise wird am nächsten Tag erst per Tomographie untersucht, wie der genaue Sachverhalt bezüglich der Gallenblase ist. Ergebnis: meine Gallenblase verhält sich vorbildlich. Sie ist intakt.
Umdenken.
Die nächste Theorie ist, daß das Lebergewebe um die mit Eiter gefüllten Kammern abgestorben sei und entfernt werden müsse.
Beim Ultraschall wurde auch dies widerlegt.
Man scheint hier unbedingt ein Stück von mir behalten zu wollen. Ich überlege mir, ob ich eine Haarlocke abschneiden und eine schöne Schleife dranmachen soll, damit ich den Rest von mir behalten darf.
Immer noch Schmerzen bei jeder Bewegung. Immer noch völlig kraftlos. Ich schleppe mich jeden Tag mit meinen Lieben in die Cafeteria oder in den Aufenthaltsraum. Kann kaum sitzen. Schmerzen. Wenn mehrere Leute reden, bin ich total überfordert, fühle mich gestresst und möchte nur noch schlafen.
Beim letzten CT war festgestellt worden, daß wohl alle Kammern leer oder fast leer waren bis auf eine. Man müsse eine zweite Drainage legen, um auch diese zu leeren. "Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, ich bitte dich... nicht noch einmal diese Schmerzen. BITTE."
Ein anderer Arzt ist da. Nicht der, der die erste Drainage gelegt hat. Ich schaue ihn an und spüre die Tränen aufsteigen. "Werde ich wieder solche Schmerzen haben wie beim ersten Mal?" - "Wenn wir alles richtig machen werden Sie keine großen Schmerzen haben. Die meisten Ärzte geben das Schmerzmittel intravenös. Ich mache das lieber örtlich." - Aha...
Rein in den Donut. Einatmen etc etc etc
Nebenbei bemerkt: ich bekomme zwei Medikamente gegen Allergie VOR dem Kontrastmittel und habe danach keinen Schüttelfrost. Inzwischen habe ich schriftlich, daß ich eine Kontrastmittelallergie habe.
"So, wir beginnen jetzt. Ich werde Ihnen jetzt die örtliche Betäubung geben. Es kann sein, daß das brennt. "
Ich spüre einen leichten Pieks. Kein Brennen. Und ich merke, daß kurz danach irgendetwas mit mir und meinem Bauch passiert, aber ich weiß nicht, was. Rein in den Donut, raus, rein, raus....
"So, wir sind fertig." - "Danke, danke, danke, danke, danke, danke....."
Keine Schmerzen.
KEINE SCHMERZEN.
Unglaublich.
Die Thrombosestrümpfe bringen mich um den Verstand. Jede einzelne Nacht bin ich die Hälfte der Nacht wach, weil meine ganzen Beine kribbeln, als ob Ameisen darauf herumrennen würden.
Drei Wochen.... lange Wochen....
Die ganze Zeit über ist Yusuf vom Mittagessen bis zur Schlafenszeit bei mir. Er hat sich Urlaub genommen, ist mit dem Zug heimgefahren sofort nachdem Dani ihn angerufen hat. Ich bin unglaublich dankbar. Keine Ahnung, wie ich diese Zeit allein überstanden hätte. Er hat jeden Tag meine Mutter abgeholt und mitgebracht, Dani hat sie abends heimgefahren. Dani war immer in der Mittagspause und nochmal nach Feierabend bei mir.
Und auch jetzt, wo Yusuf wieder arbeitet, kommt sie jeden Tag her. Kauft mir ein. Sitzt mit mir da. Mama auch.
Und unglaublicherweise ist meine Schwiegermutter extra aus der Türkei hierher geflogen - meinetwegen...
Ich habe noch immer sehr wenig Kraft, jede kleine Arbeit ist eine große Anstrengung und ich muß mich danach ausruhen. Ich kann meine Beine immer noch nicht richtig anheben und die Füsse nicht richtig bewegen. Meine Hände funktionieren anders als vorher. Es kostet mich Mühe, so zu unterschreiben, daß es echt aussieht. Meine Schrift ist anders. Ich male anders. Ich fühle, daß ich langsamer und anders denke als vorher. Und ich habe immer noch Schmerzen.
Ich habe keine Ahnung, ob diese Folgen dauerhaft sind, oder wieder vergehen. Und ich weigere mich, mir darüber Sorgen zu machen.
Es ist wie es ist.
Mein Gott, ich danke dir für dieses Leben und für meine Familie....
Aber sag mir eins... WEM danke ich dafür, daß es DICH gibt?
****
Ach ja... das Ergebnis? Letztes Jahr im April stolperte ich auf unserer Steintreppe im Flur und holperte fast einen ganzen Treppenabsatz auf Rippen, Po und Hinterkopf hinunter. Auf meiner rechten Seite zeigten sich danach viele schwarzblaue Flecken und am Hinterkopf hatte ich eine Beule.
Und in meiner Leber bildeten sich Hämatome, die sich verkapselten statt sich aufzulösen. Nach einem guten Jahr füllten sie sich mit Eiter.
DAS war die Ursache... der Treppensturz. Unglaublich.
Es war keine...
Anfang August kam ich in einen Regenguß und lief den Rest des Tages mit nassen bzw. feuchten Kleidern rum. Kurz danach hatte ich wieder Fieber. Und fror. Und hatte Schmerzen in der rechten Seite. Ich dachte an eine Erkältung. Die Schmerzen erklärte ich mir damit, daß ich vielleicht etwas falsch gehoben oder getragen hatte.
Ich verlor meine Kraft zusehends, kam kaum noch meine Treppe hoch. Hatte keinen Appetit mehr. Alles schmeckte salzig oder bitter. Nachts konnte ich zwar nicht schlafen, aber dafür umso besser schwitzen. Jeden Morgen war meine komplette Bettwäsche nass.
Meine rechte Seite schmerzte immer mehr.
Nachdem ich mich nur noch mit Mühe und Not aus- bzw. umziehen konnte, entschloß ich mich endlich, zum Arzt zu gehen. Dieser nahm mir reichlich Blut ab und vereinbarte für mich einen Termin für den nächsten Morgen um eine Ultraschall Untersuchung machen zu lassen.
Was genau in der dazwischen liegenden Nacht passierte, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß ich im Bad aufwachte. Ich stellte fest, daß sich mein Körper komplett entleert hatte. Und weinte, weil ich Angst hatte in all meiner Kraftlosigkeit nicht fähig zu sein, die Sauerei zu entfernen. Tatsächlich schaffte ich es nur mit äußerster Anstrengung. Danach zitterte ich wie Espenlaub, fror, duschte und fiel danach ins Bett. Ich war froh, daß ich am Tag zuvor meine Tochter angerufen hatte, um sie zu bitten, mich zu der Untersuchung zu fahren.
Ich wäre auf keinen Fall imstande gewesen, selbst hinzufahren. Ich kam ja fast die Treppen nicht hinunter.
Bei der Ultraschall Untersuchung wurde der Arzt wohl fündig, denn er schickte mich gleich weiter zur Tomographie. Kontrastmittel... ab in den Donut.
Mehrere Abszesse in der Leber - so wurde mir gesagt. In meinem Kopf entstand ein Fragezeichen, aber ich war nicht imstande, nachzufragen.
Ich sollte sofort zu meinem Hausarzt gehen, damit er mir eine Einweisung in die Chirurgie ausstellt.
Wir gingen also zum Hausarzt. Dort wurde ich für die Wartezeit auf die Pritsche gelegt. Krankenwagen oder selbst fahren? Meine Tochter sagte selbstverständlich würde sie mich fahren.
Wir gingen schnell nochmal bei mir zuhause vorbei, wobei die Treppen für mich wahre Killer waren, und packten ein paar Sachen fürs Krankenhaus ein. Ich spürte, wie ich mich von mir selbst entfernte. Kann mich fast nicht an die Fahrt erinnern. Die Aufnahme im Krankenhaus. Danach? Blackout. Ich war wach, bekam aber irgendwie nichts mehr mit. Irgendwann sah ich wieder was.
Mein Mann und meine Tochter beugen sich über mich. Ich liege im Bett. Und bekomme Schüttelfrost. Meine Zähne klappern. Meine Hände fuchteln unter der Decke herum. Meine Beine scheinen aus dem Bett hüpfen zu wollen. Der ganze Körper wackelt, schüttelt, bebt. "Sepsis" sagt irgendjemand. Blackout. Ich werde abgeholt. CT gestützte Drainagenlegung. Das hab ich gehört. Ich rolle mich mühsam und mit Schmerzen aus dem Bett auf eine knochenharte schalenförmige Liege, die sich vor dem Tomographen befindet. Schmerzen. Ich werde komplett verkabelt und fahre mit der Liege vor und zurück. "Tief einatmen und Luft anhalten" - Scheiße ich kann doch vor lauter Schmerzen garnicht tief einatmen. "Weiteratmen". Unzählige Male.
"Klack" "Klack" "Klack" "Klack". Vier Löcher im Bauch. Leberproben entnommen. "Sooo, wir legen jetzt die Drainage" --- "Ooooooh mein Gott oh mein Gott oh mein Gott" Schmerzen, Schmerzen, noch nie erlebte Schmerzen.
Wieder in den Donut fahren "die Lage muß überprüft werden"- "tief einatmen und Luft anhalten" - "weiteratmen" - die Drainage wird weitergeschoben... beim letzten Schieben heule ich laut vor Schmerzen und denke immer noch "oh mein Gott". Ich sehe den Raum wie in einem verschwommenen Traum, auch den Nebenraum, in dem mehrere Leute an Monitoren sitzen.
Irgendwann zurückrollen aufs Bett "oh mein Gott diese Schmerzen"... zurück im Zimmer. Sie sind immer noch da, meine Lieben. Warum ist mir bloß so kalt? Ich bin total fertig. Und stelle fest, daß ich einen Schlauch mit einem Beutel an mir habe.
Und einen Ständer neben mir mit vielen Flaschen. Und einen Stöpsel im Arm.
Müde. Schmerzen. Ich soll mehrere Flaschen mit bitterem Zeug trinken. Es soll noch in dieser Nacht eine Darmspiegelung gemacht werden. Ich bin so müde, müde, müde. Aber trotzdem trinke ich das eklige Zeug. Ich werde abgeholt. Bekomme neue Flaschen und eine Spritze in den Stöpsel im Arm. Das war wohl mein Ausschaltknopf.
Ich komme im sogenannten Aufwachraum zu mir. Ich nehme meine Umgebung gefühlsmäßig wahr, aber ich sehe nichts. Meine Lieben kommen zu mir, aber ich bemerke sie nicht. Jetzt sehe ich. Herrje, so viele Betten um mich herum. Ein Raum wie das Lager vom Edeka. Furchtbar. Ich will raus und darf nicht. Ich muß mal. Und wieder. Und wieder. Ich hasse Bettpfannen.
Blackout.
Am nächsten Tag wird mir gesagt, daß die Darmspiegelung wegen "Restverschmutzung" des Darms nicht zu Ende geführt werden konnte.
(Anmerkung: dem Arztbrief, den ich bei meiner Entlassung mitbekam, konnte ich entnehmen, daß diese "Restverschmutzung" das Kontrastmittel war, das ich bei der Drainagenlegung gespritzt und zu trinken bekommen hatte.
Ich war mit 65 Kilo eingeliefert worden.
Am Ende des zweiten Tages waren es 80 Kilo.
Meine Körpermitte hatte sich seitlich ausgebreitet und meine Beine, Hände und Füsse schienen platzen zu wollen. Irgendwie hat mein Körper die Form eines Achtecks angenommen. Seltsam.
Von Keimen ist die Rede. Von anaeroben Keimen. Au weia, wie sich das anhört.
Jeden Tag werden 3 Röhrchen Blut abgezapft. Mehrmals täglich wird die Drainage mit Wasser durchgespült. Außer dem eingespülten Wasser läuft eklige Eiterbrühe in den Beutel.
Jeden Tag bei der Visite werde ich erneut befragt, ob ich im Ausland gewesen sei oder einen Unfall gehabt hätte.
Ich bekomme mehrere Beutel Blutplasma. Und jeden Tag zweimal je eine Flasche Antibiose. Schmerzmittel. Und was weiß ich was noch alles.
Irgendwann, nach einer Ultraschall Untersuchung und einer weiteren Untersuchung, bei der geröngt wird während Kontrastmittel in die Drainage gespritzt wird ist man anderer Meinung und es heißt, meine Gallenblase sei geplatzt und die Flüssigkeit habe sich in der Leber verkapselt. Die Gallenblase müsse sofort entfernt werden.
Abends bekomme ich Schüttelfrost in einem Maß, das ich noch nicht erlebt habe. Ich sehe Yusuf an, daß er Angst um mich hat. Zwei Flaschen werden an den Tropf gehängt. Keine Wirkung. Der Stationsarzt kommt mit einer Ochsenspritze. Stillstand innerhalb von Sekunden. "Oh mein Gott, danke". Yusuf hat Tränen in den Augen und sagt, er müsse mal kurz raus. Tage später sagt mir der Stationsarzt, das sei der schönste Stop eines Schüttelns gewesen, den er je erlebt hatte. Knapp 10 Sekunden nach der Spritze vollkommene Entspannung. Das sei Rekord.
Langsam kommt der Verdacht auf, ich könnte eine Kontrastmittel-Allergie haben, da ich jedes Mal wenn mir welches als Spritze oder zum Trinken gegeben wurde, Schüttelfrost bekam.
Glücklicherweise wird am nächsten Tag erst per Tomographie untersucht, wie der genaue Sachverhalt bezüglich der Gallenblase ist. Ergebnis: meine Gallenblase verhält sich vorbildlich. Sie ist intakt.
Umdenken.
Die nächste Theorie ist, daß das Lebergewebe um die mit Eiter gefüllten Kammern abgestorben sei und entfernt werden müsse.
Beim Ultraschall wurde auch dies widerlegt.
Man scheint hier unbedingt ein Stück von mir behalten zu wollen. Ich überlege mir, ob ich eine Haarlocke abschneiden und eine schöne Schleife dranmachen soll, damit ich den Rest von mir behalten darf.
Immer noch Schmerzen bei jeder Bewegung. Immer noch völlig kraftlos. Ich schleppe mich jeden Tag mit meinen Lieben in die Cafeteria oder in den Aufenthaltsraum. Kann kaum sitzen. Schmerzen. Wenn mehrere Leute reden, bin ich total überfordert, fühle mich gestresst und möchte nur noch schlafen.
Beim letzten CT war festgestellt worden, daß wohl alle Kammern leer oder fast leer waren bis auf eine. Man müsse eine zweite Drainage legen, um auch diese zu leeren. "Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, ich bitte dich... nicht noch einmal diese Schmerzen. BITTE."
Ein anderer Arzt ist da. Nicht der, der die erste Drainage gelegt hat. Ich schaue ihn an und spüre die Tränen aufsteigen. "Werde ich wieder solche Schmerzen haben wie beim ersten Mal?" - "Wenn wir alles richtig machen werden Sie keine großen Schmerzen haben. Die meisten Ärzte geben das Schmerzmittel intravenös. Ich mache das lieber örtlich." - Aha...
Rein in den Donut. Einatmen etc etc etc
Nebenbei bemerkt: ich bekomme zwei Medikamente gegen Allergie VOR dem Kontrastmittel und habe danach keinen Schüttelfrost. Inzwischen habe ich schriftlich, daß ich eine Kontrastmittelallergie habe.
"So, wir beginnen jetzt. Ich werde Ihnen jetzt die örtliche Betäubung geben. Es kann sein, daß das brennt. "
Ich spüre einen leichten Pieks. Kein Brennen. Und ich merke, daß kurz danach irgendetwas mit mir und meinem Bauch passiert, aber ich weiß nicht, was. Rein in den Donut, raus, rein, raus....
"So, wir sind fertig." - "Danke, danke, danke, danke, danke, danke....."
Keine Schmerzen.
KEINE SCHMERZEN.
Unglaublich.
Die Thrombosestrümpfe bringen mich um den Verstand. Jede einzelne Nacht bin ich die Hälfte der Nacht wach, weil meine ganzen Beine kribbeln, als ob Ameisen darauf herumrennen würden.
Drei Wochen.... lange Wochen....
Die ganze Zeit über ist Yusuf vom Mittagessen bis zur Schlafenszeit bei mir. Er hat sich Urlaub genommen, ist mit dem Zug heimgefahren sofort nachdem Dani ihn angerufen hat. Ich bin unglaublich dankbar. Keine Ahnung, wie ich diese Zeit allein überstanden hätte. Er hat jeden Tag meine Mutter abgeholt und mitgebracht, Dani hat sie abends heimgefahren. Dani war immer in der Mittagspause und nochmal nach Feierabend bei mir.
Und auch jetzt, wo Yusuf wieder arbeitet, kommt sie jeden Tag her. Kauft mir ein. Sitzt mit mir da. Mama auch.
Und unglaublicherweise ist meine Schwiegermutter extra aus der Türkei hierher geflogen - meinetwegen...
Ich habe noch immer sehr wenig Kraft, jede kleine Arbeit ist eine große Anstrengung und ich muß mich danach ausruhen. Ich kann meine Beine immer noch nicht richtig anheben und die Füsse nicht richtig bewegen. Meine Hände funktionieren anders als vorher. Es kostet mich Mühe, so zu unterschreiben, daß es echt aussieht. Meine Schrift ist anders. Ich male anders. Ich fühle, daß ich langsamer und anders denke als vorher. Und ich habe immer noch Schmerzen.
Ich habe keine Ahnung, ob diese Folgen dauerhaft sind, oder wieder vergehen. Und ich weigere mich, mir darüber Sorgen zu machen.
Es ist wie es ist.
Mein Gott, ich danke dir für dieses Leben und für meine Familie....
Aber sag mir eins... WEM danke ich dafür, daß es DICH gibt?
****
Ach ja... das Ergebnis? Letztes Jahr im April stolperte ich auf unserer Steintreppe im Flur und holperte fast einen ganzen Treppenabsatz auf Rippen, Po und Hinterkopf hinunter. Auf meiner rechten Seite zeigten sich danach viele schwarzblaue Flecken und am Hinterkopf hatte ich eine Beule.
Und in meiner Leber bildeten sich Hämatome, die sich verkapselten statt sich aufzulösen. Nach einem guten Jahr füllten sie sich mit Eiter.
DAS war die Ursache... der Treppensturz. Unglaublich.
spirit2die4 - 24. Apr, 23:40


